"Ich weiß selten, was ich gerade male, aber darauf kommt es nicht an. Vielmehr ist entscheidend, ob es zu Ende gebracht werden kann. Es existieren so viele Zustände des Bildes während des Malprozesses, die trügerisch sind und mir andauernd zu sagen scheinen, daß es nun fertig sei. So entwickelt sich im Laufe der Zeit geradezu ein großes Vertrauen in den aufwendigen und scheinbar destruktiven Arbeitsprozeß, in dem sich Malen, Zerstören und abermaliges Überarbeiten gegenseitig abwechseln. Es ist schwer zu entscheiden, ob das Dargestellte, also der Inhalt des Bildes, oder das Gemachtsein selbst Gegenstand der Malerei ist."
Rolf Stieger
Exemplarisch für diese Aussage Rolf Stiegers ist das Bild "Landschaft mit Bäumen" von 1999. Auf der Darstellungsebene scheinen sich sowohl äußerste Ferne als auch extreme Nähe zu begegnen. In diesem Kontrast wirkt der mächtige Holzpfahl in der rechten Hälfte des Bildes umso eindringlicher, da dieser nicht nur formal die Bildfläche zu durchtrennen scheint: Pinselspuren lassen die Narben vergangener "Leiden" und Auseinandersetzungen sichtbar werden; und angesichts der daraus entstandenen Oberflächen erhält die schrundige Farbmaterie in ihrer physischen Präsenz eine eigene gefühlsbeladene haptische Wirkung. Die Oberflächenbeschaffenheit wird dabei nicht allein durch den rohen Duktus eines schnell hingeworfenenen Pinselstrichs erzielt, sondern durch den wiederholten und sich überlagernden Auftrag von Malmaterial.
Die Herausforderung dabei ist, die Kontrolle über die Möglichkeiten der Maloberflächen-Behandlung nicht zu verlieren und gleichzeitig die Schichtungen der Arbeitsprozesse stehen zu lassen. Dadurch kommt jedem Bild seine eigene künstlerische Geschichte zu: Die Leinwand ist Träger einer ganzen Reihe von Bildern, die zwar verborgen, und dadurch nicht einem reinen Illusionismus dienen müssen, aber dafür um so mehr an der Oberflächengestaltung des Bildes mitgewirkt haben. Bei der Steuerung des Malvorganges übernimmt weniger die traditionelle Ölfarbe als vielmehr niederes Material die entscheidende Rolle - z.B. Asphalt in seinen verschiedenen Konstistenzen, der für die "Korrekturen" in lasierender oder pastoser Form eine ideale Malsubstanz bereitstellt.
Die Integration eigenwilliger Werkstoffe, wie Montageschaum, Tusche, Dammarharzmischungen, Gips, Kaffee oder Sand stehen eben nicht länger im Dienste eines Illusionismus, sondern führen durch ihre Präsenz in den Tafelbildern zu neuen Bedeutungen.
Vor allem im letzten Arbeitsschritt, dem Firnissen, welches traditioneller Weise "das Werk abschließt", werden nochmals entscheidende Veränderungen vorgenommen. Harze, mit verschiedenfarbigen Pigmenten versetzt, sorgen an einigen Stellen des Bildes dafür, daß der gemalte Gegenstand - egal ob es sich um Objekte eines Stillebens oder um Bereiche einer Landschaft handelt - in seiner Stofflichkeit noch deutlicher hervortreten kann. Bei diesem seit Jahrhunderten in der Ölmalerei erprobten Verfahren ging es immer darum, durch einen warmen Farbton dem Kunstwerk künstliche Altersspuren einzuschreiben. Sowohl das Artefakt als auch der dargestellte Gegenstand werden durch diese zeitliche Dimension in ihrer materiellen Dauer geadelt.
Solche gezielte Rückgriffe machen deutlich, daß die Geschichte der Kunst - ihre Genre, Techniken und Materialien - das Reservoir der Malerei von Rolf Stieger bilden. Entscheidend ist somit nicht, was ein Bild ist, sondern wie Bilder entstehen: Also nicht im Verhältnis zur Wirklichkeit, vielmehr steht im Vordergrund die Verarbeitung von solchen Bildern, die bereits vorhanden sind. Übermalen ist hier also kein Vorgang der Auslöschung, sondern eher der permanente Versuch, mit dem Material der Malerei in Berührung zu bleiben.